12. September 2026 – Tausend Waldeinblicke mit Förster Jörg Brucklacher

Ein Sprichwort sagt, dass man manchmal den Wald vor lauter Bäumen nicht sieht. Auf einem Waldspaziergang laufen wir oft – ohne es zu bemerken – an kleinen Details vorbei, die uns viel über das Zusammenleben der Waldbewohner verraten können. Dieses Mal sollte das anders sein. Zwölf Interessenten hatten sich in Sulzbach am Kocher versammelt, um an einer Führung mit dem Förster Jörg Brucklacher durch dessen Revier teilzunehmen. Der Rundgang war gut vorbereitet. Unterwegs gab es einzelne Stationen, an denen ganz verschiedene Aspekte demonstriert wurden, die alle mit dem Lebensraum des Waldes zu tun haben.

Die erste Station galt dem unvermeidlichen Zivilisationsmüll, der leider immer wieder auch im Wald entsorgt wird. Plastikreste brauchen sehr lange, bis sie zersetzt werden, und hinterlassen problematische Mikroplastikteile. Der Wald produziert zwar ebenfalls Abfälle wie etwa das Falllaub. Dieses wird aber durch die Bodenorganismen fast vollständig recycelt, und geringe nicht abbaubare Reste tragen zur Humusbildung bei.

Ein weiteres Übel der modernen Zivilisation sind Neophyten, also durch den Menschen eingebürgerte fremde Pflanzen, die sich auch im Wald ausbreiten und schwer zu kontrollieren sind. Ein Vertreter war gleich am Waldrand zu sehen: Japanischer Staudenknöterich, der übermannshohe Gebüsche bildete und durch unterirdische Ausläufer immer größere Flächen besetzte. Er war wahrscheinlich durch achtlos fortgeworfene Gartenabfälle dorthin gelangt.

Waldfenster

Bald kamen wir aber in Waldbereiche, die nicht von diesen Einflüssen betroffen waren. Ein Holzrahmen am Wegesrand verleitete zu einem genaueren Blick auf den Wald wie durch ein Fenster. Die Besucher sollten den Wald als ein Ökosystem wahrnehmen, in dem eine ungeheure Zahl von Organismen von Pflanzen und Pilzen bis zu großen und kleinen Tieren lebt und miteinander in Beziehung steht. Die große Artenvielfalt sorgt für die Stabilität des Systems, und darauf sollte auch die Forstwirtschaft Rücksicht nehmen.

An einer Stelle des Weges stand eine große Feldulme. Dieser Anblick ist selten geworden, weil durch das Ulmensterben viele Bäume vernichtet wurden. Alle drei heimischen Ulmenarten waren hier noch vertreten: die Feld-, Berg- und Flatterulme, deren Unterscheidungsmerkmale uns anhand von beblätterten Zweigen demonstriert wurden. Allen drei Arten setzt ein Schlauchpilz zu, der zum Absterben der Bäume führt und von Ulmensplintkäfern übertragen wird. Die Flatterulme ist jedoch am wenigsten davon betroffen.

Die Forstwirtschaft bedingt, das auch mit Maschinen in den Wald gefahren wird. Da war es kein Mehraufwand, an einigen Stellen die Vegetation am Wegesrand abzutragen und so offene Bodenflächen zu schaffen. Solche Bereiche erwärmen sich in der Sonne besonders stark und sind beliebt bei Wildbienen, die dort ihre Brutröhren bauen. An anderen Stellen wurden maschinell flache Tümpel hergestellt. Solange diese frei von Vegetation und anderen Wassertieren sind, werden sie von Gelbbauchunken zum Ablaichen genutzt. Später siedeln sich auch Molche und Libellen an. Dann sind sie für die Gelbbauchunken nicht mehr nutzbar.

Tümpel

Mitten im Laubmischwald war ein Bereich mit Stangenholz auffällig: eine Monokultur mit Fichten, wie man sie heute nicht mehr pflanzen würde. Jörg Brucklacher sah für diesen Wald im Klimawandel keine Chance.

Bevor die Bäume absterben, sollten sie noch genutzt und dann durch die bereits erkennbare Naturverjüngung mit Laubbäumen ersetzt werden. Im Unterholz wuchsen schon große Bestände von Bergahorn heran. Es gab auch einige Rotbuchen, an denen der heiße und trockene Sommer Spuren hinterlassen hatte. An den braun-rot verfärbten Blättern waren Strahlungsschäden erkennbar.

Einige Baumstämme waren mit einer auffälligen weißen Wellenlinie markiert. Es handelt sich um Habitatbäume, die von verschiedenen Tieren besiedelt sind. Die Markierung signalisiert den Waldarbeitern, derartige Bäume stehenzulassen. Einer der Habitatbäume war bereits abgestorben, und an seinem Fuß zeigte ein Haufen frischen Holzmehls, dass er von tothozbewohnenden Käfern genutzt wurde.

An einem anderen Baum hatte sich die Rinde teilweise abgelöst, hing aber noch am Stamm. Nach unten ragten feine Fichtenreiser heraus. Das war ein untrüglicher Hinweis, dass hier ein Waldbaumläufer genistet hatte. Er nutzt solche Hohlräume unter der Rinde für die Aufzucht seiner Jungen.

Habitatbaum

Für mehrere holzzersetzende Käfer ist stehendes Totholz wichtig, dessen Wurzel sich noch im Boden befindet und so ständig feucht gehalten wird. Dieser Situation nachempfunden war eine von Waldarbeitern errichtete „Käferburg“. Hier waren Stücke von Baumstämmen senkrecht aufgestellt und am unteren Ende im Boden eingegraben worden. An einer anderen Stelle sahen wir auch einen „Lagerbaum“, der umgestürzt am Boden lag, aber immer noch über einige Wurzeln Kontakt mit dem Boden hatte. So wurden Teile des Stammes weiterhin versorgt, aus denen junge Zweige austreiben konnten.

An einem bei Forstarbeiten abgesägten Baumstumpf war ein interessantes Phänomen zu sehen. Obwohl dieser Baum keine Photosynthese mehr betreiben konnte, lebte der Baumstumpf weiter und war von neu gebildeter Rinde vollständig überwachsen worden. Das war nur möglich, weil er über seine Wurzeln Kontakt zu benachbarten Bäumen hatte, die ihn mit Nährstoffen versorgten und so am Leben hielten. 

Ein anderer, noch junger Baum wuchs wie auf Stelzen auf bogenförmig über dem Boden stehenden Wurzeln. So zeigte er, dass er einmal auf einem liegenden Baumstamm gekeimt war, den er mit seinen Wurzeln umwachsen musste, um den Boden zu erreichen. Nachdem der Baumstamm verrottet war, blieb die ungewöhnliche Wurzelform erhalten.

Kandelaberkrone

Eine besondere Wuchsform zeigten auch zwei Bäume mit einer „Kandelaberkrone“. Hier war bei einem Sturm die ursprüngliche Krone abgebrochen. Daraufhin hatten sich mehrere Seitenzweige aufgerichtet und eine neue mehrteilige Krone gebildet, die an einen Armleuchter erinnert.

Auf unserem Rundgang verließen wir auch die befestigten Wege und gingen quer durch den Wald. So war das Relief des Waldbodens gut erkennbar, das etwas über die Vorgeschichte verraten konnte. Wir gingen an einer langgezogenen Höhenstufe entlang, die einer früheren Flurstücksgrenze entsprach, als hier noch Ackerbau betrieben wurde. Im Wald sind die Spuren früherer Bewirtschaftungsformen viel besser erhalten als in der offenen Landschaft, wo die Flächen durch die ständige Bodenbearbeitung eingeebnet wurden.

Am Ende der Tour verließen wir den Wald über einen Hang mit trockenem und steinigem Lehmboden, auf dem schwachwüchsige Exemplare von Eichen, Eschen und Feldahorn standen. Könnte so bei zunehmender Klimaerwärmung und Trockenheit der Wald der Zukunft aussehen? Jörg Brucklacher äußerte auch hierzu einige Gedanken. Vielleicht wird uns zukünftig der Wald kein hochwertiges Bauholz mehr liefern können. Stattdessen wäre es denkbar, dass aus dem dann noch wachsenden Holz ein Material gewonnen wird, das sich durch technische Prozesse zu verschiedenen Zwecken weiterverarbeiten lässt. Aber noch kann niemand sagen, wie der Wald der Zukunft einmal aussehen wird.

Mit seinem Sinn für die kleinen, aber wichtigen Details, die zusammen den Wald ausmachen, hat Jörg Brucklacher die Teilnehmer angeregt, diesen Lebensraum besser zu verstehen. Man hätte ihm noch lange zuhören können, und wenn die Zeit gereicht hätte, wären sicherlich noch tausend weitere Waldeinblicke möglich gewesen.

Die folgenden Bilder kann man mit einem Click darauf vergrößern und dann alle als Bildergalerie anschauen.

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